Home > General > Zu Besuch auf der roten Insel

2015 gründete ich gemeinsam mit Ando und Andreas die NGO “Tia Diavolana”. Unser Ziel ist es Kindern und Jugendlichen in Madagaskar eine bessere Zukunft durch Bildung zu ermöglichen. Nahe der Hauptstadt Antananarivo befindet sich unser kleines Tageszentrum, welches bis zu 40 Kinder regelmäßig besuchen. Im April 2018 hatte ich endlich die Gelegenheit sie kennenzulernen.

Schon beim Landeanflug auf Antananarivo raubt mir der Anblick der dicken, roten Flussadern, die sich wild über die Insel schlängeln, den Atem. Von Ando, der Gründerin von Tia Diavolana, hatte ich schon viel über Madagaskar und seine BewohnerInnen gehört. Ich konnte mir trotzdem nicht vorstellen, was mich erwarten wird. Zugegeben machten mich die unsichere politische Lage und die hohe Kriminalitätsrate in den Städten ein wenig nervös. Eine Woche vor meiner Ankunft kamen bei Protesten in der Hauptstadt mindestens zwei Menschen ums Leben. Noch 2018 sollen Präsidentschaftswahlen stattfinden. Im Vorfeld schürt die Regierung mit ungerechtfertigten Aktionen immer wieder den Zorn der Bevölkerung.

Ein herzlicher Empfang und der erste Stau

Am Flughafen begrüßen mich Ando und ihre Mutter, die sich ebenfalls seit vielen Jahren für die NGO einsetzt. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg ins ca. 20 Kilometer entfernte Dorf in dem die beiden leben. Dort befindet sich auch das Tageszentrum. Der Verkehr ist stark, immer wieder gibt es Stau. Die sogenannten “Taxi B”, ausrangierte Mercedes-Busse aus Europa, bewegen sich nur im Schritttempo Richtung Ziel. Nach zwei Stunden sind wir endlich angekommen.
Die madagassische Gastfreundschaft kennt keine Grenzen. Andos Mutter lässt es sich nicht nehmen, meinen schweren Rucksack durch das halbe Dorf zu tragen. Ich folge ihr mit gesenktem Kopf. Sie erklärt mir, dass es eine große Ehre ist, eine Vazaha (=Fremde) in seinem Haus zu begrüßen. Im Dorf spricht sich mein Besuch schnell herum. Auf der Straße reagieren viele trotzdem überrascht mich zu sehen. Vazaha, Vazaha!, tuscheln die Kinder.

Bittere Armut in den Straßen

Die Armut der Menschen erschlägt mich. Viele Familien leben auf der Straße, um zu Überleben bleibt den Eltern nichts anderes übrig, als ihre Kinder betteln zu schicken. Besonders schockiert mich eine Szene in Antananarivo. In einem finsteren und stickigen Straßen-Tunnel sitzt eine Mutter mit ihrem kleinen Baby. Sie sitzt dort den ganzen Tag und bittet PassantInnen um Geld. Die Luft im Tunnel ist so schlecht, dass mir die Augen tränen, jeder Atemzug sticht in der Lunge. Noch dazu ist der Verkehr furchtbar laut.
Diese Szene macht deutlich, wie aussichtslos die Lage für viele Menschen in diesem Land ist. Sie kennen nichts anderes als das raue Leben auf der Straße. So sind sie aufgewachsen und so werden auch ihre Kinder aufwachsen. Sie haben keine Bildung und somit auch keine Perspektiven. Hoffnungslosigkeit, Hunger und Verzicht sind quasi in ihre DNA geschrieben.

Endlich lerne ich die Kinder kennen!

Im April beginnt es in Madagaskar kühler zu werden, der Winter hält Einkehr auf der Südhalbkugel. Die meisten Kinder die ins Tia Diavolana Tageszentrum kommen, haben nur wenige oder gar keine warmen Sachen zum Anziehen. Deshalb besorgen wir am Markt kuschelige Pullover für alle. Es herrscht reges Treiben. Andos Mutter lotst mich mit bestimmtem Gang durch die wuselnde Menschenmenge. Mit dem Spendengeld aus Österreich kaufen wir 35 Pullover in allen Größen und Farben.

Am Wochenende ist es endlich soweit. Den Samstag verbringen wir im Zentrum mit den Kindern. Ich bin ziemlich aufgeregt. Was wird mich erwarten? Werden wir uns überhaupt verständigen können? Als wir ankommen sind schon ein paar Kinder vor Ort. Um das Eis zu brechen, spielen wir erst einmal ein paar Kennenlern-Spiele. Die Kinder haben großen Respekt vor mir, da die meisten noch nie in ihrem Leben mit einer Vazaha zu tun hatten. Sie kennen nur die Geschichten der Erwachsenen in denen Fremde nicht immer gut wegkommen. Durch die Kolonialzeit gibt es verständlicherweise viele Vorurteile gegenüber Weißen.
Und so stehen wir – alle etwas nervös – im Kreis und halten uns an den Händen. Die Kinder stellen sich auf Englisch bei mir vor. Sie erzählen mir von ihren Hobbies, über die Schule und ihre FreundInnen. Der Unterricht im Zentrum zeigt Wirkung – ihr Englisch ist richtig gut und ich bin mächtig stolz. Anschließend spielen wir noch eine Runde “Verstecken”. Dabei werden wir endgültig warm miteinander. Die spielerischen Völkerverständigungs-Maßnahmen waren erfolgreich 😉

Danach zeigen mir die Kinder den Unterrichtsraum. Kiki, die ebenfalls schon viele Jahre für die NGO tätig ist, stellt ihre private Garage zur Verfügung. Das ist natürlich keine Dauerlösung. Mit den Spendengeldern aus Europa wollen wir ein kleines Stück Land kaufen und eine eigene Schule bauen.
Die Kinder bekommen im Zentrum immer etwas zu Essen. Neben Reis und Gemüse gibt es an diesem Tag etwas ganz Besonderes: wir haben Pizza bestellt. Für viele die erste Pizza ihres Lebens. Die Kinder wissen anfangs gar nicht, wie sie die Ecken essen sollen. Ich zeige ihnen, dass man das ganz einfach mit den Händen macht. Aber sie sind zu schüchtern, um es mir gleichzutun und kratzen den Belag mit ihren Löffeln vom Teig.


Später verteilen wir die Pullover, welche die Kinder gleich anziehen. Sie bedanken sich mit einem Lied. Es ist so schön, ihre glücklichen Gesichter zu sehen. Viele der Kinder kommen aus sehr armen Familien. Für sie ist es selbstverständlich zu Hause mitzuhelfen und auf ihre kleinen Geschwister aufzupassen. Ich bin beeindruckt, wie hilfsbereit und respektvoll sie miteinander umgehen.
Wir spielen Memory auf Englisch. Ich versuche mir die englischen Tiernamen in Erinnerung zu rufen und mir zu merken, wo sich die Paare verstecken. Die Kinder tun sich da allerdings um einiges leichter als ich. Wir lachen viel und ich merke, dass sie langsam Vertrauen zu mir fassen. Ein schönes Gefühl. Der Nachmittag vergeht leider viel zu schnell. Am Ende des Tage bin ich ganz schön geschafft, aber glücklich. Vorm Heimgehen bekomme ich noch viele Umarmungen.

25 Umarmungen und 1 Versprechen

Sieben Tage später verbringe ich noch einmal einen Nachmittag mit den Kindern. Unser Zentrum hat zur Zeit leider nur einmal in der Woche geöffnet. Das soll sich in Zukunft ändern. Wir wollen mindestens fünf Tage in der Woche für die Kinder da sein.
Zum Abschied überreichen mir die Kinder selbstgebastelte Geschenke und Grußkarten für unsere SpenderInnen. Ich bekomme eine Karte mit persönlichen Nachrichten von allen und Fotos von unserer gemeinsamen Zeit. Beim Lesen kommen mir die Tränen. Ein Mädchen schreibt: “When I grow up I want to be like you and travel the world.” Ich wünsche mir so sehr, dass das für sie möglich sein wird. Deshalb werden wir auch weiterhin hart für unser Ziel arbeiten. Jedes dieser Kinder verdient eine glückliche Zukunft. Wir wollen ihnen eine Perspektive geben und unterstützen sie dabei, sich ein positives und erfolgreiches Leben aufzubauen. Der Abschied fällt mir alles andere als leicht, die Kinder werden mir sehr fehlen. Ich verspreche ihnen, dass wir nicht aufhören werden, für unser Ziel zu kämpfen und dass wir uns ganz bald wiedersehen.